Fertigungsunternehmen leben vom effizienten Einsatz ihrer Ressourcen. Stillstand bedeutet unmittelbar Verlust. Gerade in der Einzelteil- und Kleinserienfertigung ist eine hohe Auslastung jedoch besonders schwierig zu erreichen.
Warum?
Weil Maschinen ständig für neue Aufträge gerüstet werden.
Weil die reine Spindelzeit häufig niedrig ist.
Weil Material fehlt.
Weil Kunden Termine verschieben.
Und weil ein einziger Maschinenausfall den mühsam erstellten Plan innerhalb weniger Stunden über den Haufen werfen kann.
Viele Unternehmen investieren deshalb in digitale Planungssysteme:
- ERP-Systeme
- APS-Systeme
- digitale Plantafeln
- Fertigungsleitstände
Die Erwartung ist nachvollziehbar: mehr Transparenz, bessere Auslastung und höhere Liefertermintreue.
Und trotzdem erleben wir in Gesprächen mit Fertigungsunternehmen immer wieder etwas Erstaunliches:
Die Software ist vorhanden – aber die Meister planen weiterhin mit Excel, auf Papier oder im Kopf.
Warum?
Das Märchen von der perfekten Plantafel
In vielen unserer Gespräche hören wir sinngemäß dieselben Aussagen:
„Wir haben ein Planungssystem, nutzen es aber kaum.“
„Unseren Alltag bekommen wir damit nicht vernünftig abgebildet.“
„Die Pflege kostet uns zu viel Zeit.“
Das Problem ist dabei nicht zwangsläufig die Software selbst.
Einzelteil- und Kleinserienfertigung stellt schlicht hohe Anforderungen an jedes Planungssystem.
Wo Serienfertigung mit wiederkehrenden Abläufen und vergleichsweise stabilen Prozessen arbeiten kann, sieht der Alltag eines Einzel- oder Kleinserienfertigers häufig anders aus:
- wechselnde Arbeitspläne
- unterschiedliche Losgrößen
- häufige Rüstvorgänge
- Alternativmaschinen
- schwankende Bearbeitungszeiten
- kurzfristige Kundenwünsche
- Materialverzögerungen
- Maschinen- und Personalausfälle
Ein theoretisch guter Plan kann deshalb schon wenige Stunden später überholt sein.
Die Realität ist komplexer als der Datensatz
Ein Planungssystem kennt zunächst das, was ihm zur Verfügung gestellt wird:
- Ressourcen
- Kapazitäten
- Arbeitsgänge
- Planzeiten
- Liefertermine
- Maschinenzuordnungen
Die Realität in der Fertigung enthält aber deutlich mehr Informationen.
Der Meister weiß beispielsweise, dass ein bestimmter Mitarbeiter an Maschine A schneller ist als an Maschine B. Er weiß, dass ein benötigtes Werkzeug gerade anderweitig verwendet wird. Er kennt den Auftrag, bei dem erfahrungsgemäß Probleme auftreten. Und er weiß, welcher Kunde bei einer Terminverschiebung sofort anruft.
Viele dieser Informationen sind im Planungssystem entweder gar nicht oder nur mit erheblichem Pflegeaufwand vorhanden.
Deshalb entsteht ein gefährlicher Parallelprozess:
Die Software enthält den offiziellen Plan – die Fertigung arbeitet nach dem Plan im Kopf.
Kommt anschließend eine Terminänderung oder ein Maschinenausfall hinzu, muss nicht nur neu geplant werden. Häufig müssen anschließend auch die Daten im System wieder nachgezogen werden.
Irgendwann lautet das Urteil:
„Die Plantafel funktioniert bei uns nicht.“
Das eigentliche Problem beginnt häufig bei der Einführung
Eine Plantafel ist mit der Installation noch lange nicht eingeführt.
Die eigentliche Arbeit beginnt danach:
- Stammdaten aufbereiten
- Arbeitspläne und Planzeiten überprüfen
- Alternativressourcen definieren
- Planungsregeln festlegen
- Verantwortlichkeiten klären
- Mitarbeiter schulen
- Rückmeldungen organisieren
- die konsequente Nutzung im Alltag etablieren
Und genau dafür fehlt im Tagesgeschäft häufig die Zeit.
Besonders problematisch wird es, wenn die bestehende Arbeitsweise der Fertigung vor der Einführung nicht ausreichend verstanden wurde.
Denn eine Plantafel kann nur so gut planen, wie Daten, Regeln und Prozesse die tatsächliche Fertigung abbilden.
Was stattdessen funktioniert
Die entscheidende Frage sollte deshalb nicht lauten:
„Welche Plantafel sollen wir kaufen?“
Sondern zunächst:
„Wie planen wir heute tatsächlich?“
Welche Entscheidungen trifft der Fertigungsleiter jeden Morgen?
Welche Informationen benötigt der Meister für eine Umplanung?
Wo entstehen regelmäßig Engpässe?
Welche Daten sind zuverlässig vorhanden – und welche existieren nur im Kopf einzelner Mitarbeiter?
Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, lässt sich beurteilen, welche Teile der Planung sinnvoll digitalisiert oder automatisiert werden können.
Fazit
Plantafeln scheitern in der Einzelteil- und Kleinserienfertigung häufig nicht daran, dass die Software grundsätzlich schlecht ist.
Sie scheitern an der Lücke zwischen digitalem Modell und realer Fertigung:
- unzureichende Stammdaten
- aufwendige Datenpflege
- fehlende Planungsregeln
- hohe Fertigungskomplexität
- nicht abgebildete Engpässe
- fehlende Akzeptanz im Alltag
Das Ergebnis kennen viele Fertigungsunternehmen:
Die Plantafel ist vorhanden – geplant wird trotzdem teilweise im Kopf.
Wer seine Maschinenbelegung wirklich verbessern will, sollte deshalb nicht mit der Software beginnen.
Er sollte mit der Fertigung beginnen.